Ja, in den meisten Fällen. Der Grund dafür ist, dass die F-91W weder Mineralglas noch Saphirglas hat. Casio gibt als Material „Resin Glass“ an. Dabei handelt es sich um einen Kunststoff, der deutlich weicher als Glas ist und häufig auch als Plexiglas bezeichnet wird.
Feine Gebrauchsspuren lassen sich normalerweise gut bearbeiten. In der Praxis braucht man dafür aber oft mehrere Produkte oder Werkzeuge, und das Ergebnis ist trotzdem nicht immer überzeugend. Kunststoff von Hand zu polieren ist tatsächlich schwieriger, als viele denken.
Das Uhrwerk einer Casio kann jahrelang problemlos weiterlaufen, während sich auf der Vorderseite nach und nach ein matter, grauer Schleier aus feinen Kratzern bildet. Ärmel, Schreibtische, Türrahmen und Staub hinterlassen mit der Zeit ihre Spuren. Technisch kann die Uhr noch völlig in Ordnung sein und trotzdem deutlich älter aussehen, als sie eigentlich ist.
Aus Kunststoff. Auf der offiziellen Produktseite von Casio wird für die F-91W-1 „Resin Glass“ angegeben.
Dasselbe Material findet sich auch bei verschiedenen anderen günstigeren Casio Modellen:
Vor dem Polieren sollte man deshalb immer zuerst das genaue Modell überprüfen. Resin Glass kann mit dem Buhron Poliertuch bearbeitet werden.
Der Unterschied zwischen den Materialien ist erheblich. Das Schweizer Patent für Uhrengläser US6111821A nennt für Plexiglas ähnliche Kunststoffe eine Härte von ungefähr 100 Vickers, während Mineralglas bei rund 900 Vickers liegt. Auch normaler Hausstaub kann Siliziumdioxid und andere harte Mineralpartikel enthalten. Das erklärt, warum ein Kunststoffglas mit der Zeit zerkratzt aussehen kann, selbst wenn die Uhr nie einen größeren Stoß abbekommen hat.
Ein Kratzer in Kunststoff ist nicht einfach nur eine kleinere Version eines Kratzers in Stahl.
Ein Teil der Verformung bildet sich wieder zurück. Gauthier, Lafaye und Schirrer beschrieben bei Kratztests sowohl bleibende als auch elastische Verformungen. Die Prüfspitze kann tiefer in das Material eindringen, als die später sichtbare Rille tatsächlich tief ist, weil sich ein Teil des Kunststoffs nach dem Kontakt wieder zurückformt. Genau diese Eigenschaften können Kunststoff schwieriger zu polieren machen als Metall. Nach unserer Erfahrung ist das tatsächlich der Fall. Meist ist es aber vor allem eine Frage der Zeit. Man muss länger polieren und entsprechend etwas mehr Arbeit investieren. Bei dieser Casio haben wir insgesamt etwa 25 Minuten gebraucht.
Eine weiße Linie kann mehr sein als nur eine Vertiefung. ASTM D7027 beschreibt das sogenannte Scratch Whitening bei Kunststoffen. Dabei entsteht durch Verformung und feine Mikrorisse eine Lichtstreuung, die als weiße Stelle sichtbar wird. Befindet sich diese Veränderung unterhalb der Oberfläche, lässt sie sich durch Polieren der oberen Schicht nicht vollständig entfernen.
Hitze spielt bei Kunststoff eine größere Rolle als bei Metall. Acryl leitet Wärme nur schlecht ab. Edelstahl transportiert Wärme deutlich besser, Silber noch besser. Bei Kunststoff bleibt die durch Reibung entstehende Wärme deshalb stärker in dem kleinen Bereich, der gerade poliert wird. Das ist einer der Gründe, warum sich ein kleines Uhrenglas besser von Hand bearbeiten lässt als mit einem rotierenden Werkzeug.
Die F-91W im Video hatte keinen einzelnen tiefen Kratzer, sondern den typischen feinen Schleier aus vielen kleinen Gebrauchsspuren über der gesamten Vorderseite. Zuerst haben wir das Poliertuch verwendet und anschließend mit dem Mikrofasertuch nachgearbeitet. Keine Paste, kein Schleifpapier und keine Maschine.
Wir haben in drei Durchgängen gearbeitet: polieren, auspolieren, kontrollieren und diese Schritte wiederholen, bis wir mit dem Ergebnis zufrieden waren.
Auch das Gehäuse sollte man möglichst nicht mitpolieren. Das Gehäuse der F-91W besteht zwar ebenfalls aus Kunststoff, hat aber eine matte Oberfläche. Ein abrasives Poliermittel kann dort glänzende Stellen hinterlassen.
Wenn das Glas noch einen weiteren leichten Durchgang braucht, kann man einfach noch einmal darübergehen. Es gibt keinen Vorteil darin, unbedingt alles in einem einzigen Durchgang erledigen zu wollen.
Bei folgenden Schäden sollte man nicht erwarten, dass sie durch Polieren vollständig verschwinden:
Der Fingernageltest ist lediglich eine praktische Faustregel und kein exaktes Maß für die Kratzertiefe. Er macht das eigentliche Problem tiefer Kratzer aber gut verständlich. Um eine tiefe Rille vollständig zu entfernen, müsste die gesamte umliegende Oberfläche bis auf dieselbe Tiefe abgetragen werden. Bei einem dünnen, flachen Uhrenglas kann das schnell mehr Schaden anrichten, als einen Rest des Kratzers einfach stehen zu lassen.
Zahnpasta: Ja, Zahnpasta kann Kunststoff abtragen. Das bedeutet aber nicht, dass sie sich als optische Politur eignet. Zahnpasten verwenden sehr unterschiedliche Schleifmittel und sind nicht für transparente Uhrengläser abgestimmt. Ein sichtbarer Kratzer kann dadurch zwar schwächer werden, gleichzeitig kann aber ein größerer Schleier aus vielen feineren Kratzern entstehen. Im schlimmsten Fall sieht die Oberfläche danach matter aus als vorher.
Brasso: Brasso wurde für die Reinigung und Politur von Metall entwickelt und nicht für transparente Uhrengläser. Manche Formulierungen enthalten Siliziumdioxid und Ammoniak. Außerdem können aufgedruckte Markierungen auf Kunststoff angegriffen werden. Für diesen Zweck gibt es kaum einen guten Grund, Brasso zu verwenden.
Heißluftpistole: Das Risiko lohnt sich nicht. Wärmebehandlung hat durchaus ihre Berechtigung bei der Bearbeitung von Acrylkanten, aber ein Uhrenglas ist eine optische Fläche und zusätzlich im Gehäuse befestigt. Zu viel Wärme kann den Kunststoff verformen oder die Verbindung mit dem Gehäuse beeinträchtigen. Deshalb würden wir davon abraten.
Schleifpapier: Bei stark beschädigten Acrylgläsern kann Schleifpapier funktionieren, wenn man sich sorgfältig durch mehrere immer feinere Körnungen arbeitet und die Oberfläche anschließend poliert. Ein flaches Uhrenglas kann dabei allerdings erstaunlich schnell ungleichmäßig werden. Bei den üblichen Gebrauchsspuren einer F-91W ist dieser Aufwand normalerweise nicht nötig.
Wir verwenden vor allem deshalb ein Tuch statt einer losen Polierpaste, weil man damit kontrollierter arbeiten kann. Das Poliermittel befindet sich direkt im Tuch. Dadurch entsteht weniger Schmutz rund um die Fuge zwischen Gehäuse und Glas und es bleibt weniger überschüssiges Produkt auf der Oberfläche zurück. Mehr über das Schleifsystem und das Verhalten der Oberfläche findest du in Buhrons Forschung zur Oberflächenwissenschaft.
Aus Kunststoff. Casio bezeichnet das Material als Resin Glass. Auch die A158WA-1 und die A168WA verwenden Resin Glass.
Ja. Feine Kratzer und ein allgemeiner matter Schleier auf der Oberfläche lassen sich normalerweise deutlich reduzieren. Tiefe Rillen, Abplatzungen und feine Rissbildung lassen sich dagegen wesentlich schlechter oder gar nicht entfernen.
Sie kann zwar etwas Material abtragen, das enthaltene Schleifmittel wurde aber nicht für die Politur eines transparenten Uhrenglases entwickelt oder entsprechend abgestimmt. Das Ergebnis kann deshalb schnell eine matte Oberfläche mit vielen feineren Kratzern sein.
Nur wenn das jeweilige Modell ein geeignetes Kunststoffglas hat. Die DW-5600E-1V verwendet zum Beispiel Mineral Glass und verhält sich deshalb nicht wie das Resin Glass einer F-91W. Vorher immer die Angaben zum eigenen Modell überprüfen.
Grundsätzlich ja, wirtschaftlich lohnt es sich aber häufig nicht. Ersatzteile sind nicht immer einfach zu bekommen und ein professioneller Austausch kann mehr kosten als die Uhr selbst.
Ein Resin Glass wird auf Dauer kaum vollkommen kratzerfrei bleiben. Eine einfache Gewohnheit hilft aber bereits: Ein staubiges Glas nicht mit einem trockenen Ärmel abwischen. Harte Staubpartikel zwischen Stoff und Glas sind genau das, was man nicht über eine weiche Kunststoffoberfläche ziehen möchte.
Bei einer F-91W gehören die feinen Kratzer, die das Glas alt und matt wirken lassen, oft zu den einfachsten Dingen, die man an der Uhr verbessern kann. Mit einer Politur von Hand lässt sich ein großer Teil dieses Schleiers entfernen. Tiefe Kratzer, Rissbildung, Abplatzungen und Vergilbungen sind dagegen andere Probleme und sollten auch entsprechend behandelt werden.
Man muss die Sache außerdem nicht komplizierter machen, als sie ist. Resin ist weich. Bei normalen Gebrauchsspuren sollte man vorsichtig anfangen und aufhören, sobald das Glas wieder klar aussieht. Unser Beispiel war ziemlich stark zerkratzt. Dafür braucht man durchaus 10 bis 25 Minuten kontinuierliches Polieren, aber das Ergebnis lohnt sich.
Buhron wurde ursprünglich für polierte Metalloberflächen entwickelt, die durch Gebrauch, Oxidation und feine Oberflächenkratzer beeinträchtigt sind. Aufgrund der Eigenschaften unserer eigenen Rezeptur lässt sich das Produkt jedoch auch vorsichtig auf Acryl und Resin Uhrengläsern verwenden.
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